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„Unfassbar: Der Fall Dutroux“: Die Bestie von Belgien

„Unfassbar: Der Fall Dutroux“: Die Bestie von Belgien

Die Eltern von Julie Lejeune (li.) und Mélissa Russo (re.) sprechen zu den Entführern ihrer vermissten Töchter., Auf Angst folgt Erleichterung: Laetitia und Sabine wurden lebendig aufgefunden., Unruhen in Neufchâteau nach der Befreiung von Sabine und Laetitia.
Die Eltern von Julie Lejeune (li.) und Mélissa Russo (re.) sprechen zu den Entführern ihrer vermissten Töchter., Auf Angst folgt Erleichterung: Laetitia und Sabine wurden lebendig aufgefunden., Unruhen in Neufchâteau nach der Befreiung von Sabine und Laetitia. Credit: Foto: RTBF
Der Justizskandal um Mädchenmörder Marc Dutroux traumatisiert Belgien bis heute. Eine Doku rollt ihn auf.

Es ist der Albtraum aller Eltern: Am 24. Juni 1995 kommen zwei Mädchen nicht von einem Spaziergang nahe der belgischen Stadt Lüttich zurück: Mélissa und Julie, beide acht Jahre alt. Zunächst suchen die Mütter, dann die Polizei, später die ganze Öffentlichkeit. Vergeblich. Die beiden bleiben spurlos verschwunden. Erst 420 Tage später herrscht traurige Gewissheit: Die Kinder sind tot – grausam verhungert im Keller eines Vergewaltigers. Vorher gekidnappt, missbraucht, gefoltert.

Verantwortlich für die Tat ist der heute 65-jährige Marc Dutroux. Sechs Mädchen und junge Frauen hat er in den 90ern entführt, nur zwei von ihnen konnten gerettet werden. Der grausame Kriminalfall bewegt das Land bis heute. Die vierteilige Doku „Unfassbar: Der Fall Dutroux“ (Mittwoch, 8. Juni, 22.50 Uhr, Arte – hier in der Mediathek streamen) arbeitet das Geschehen auf: Archivmaterial zeigt das Leid der Angehörigen ebenso wie zahllose Merkwürdigkeiten bei den Ermittlungen.

Darum geht’s in „Unfassbar: Der Fall Dutroux“

Am 13. August 1996 nehmen Polizisten Marc Dutroux in Gewahrsam. Aussagen von Augenzeugen haben die Ermittler auf seine Spur gebracht. Er ist der Polizei nicht unbekannt: „Ich wusste, dass Dutroux bereits 1989 wegen Vergewaltigung verurteilt und mehrfach vorbestraft war“, erzählt Chefermittler Michel Demoulin in der Dokumentation. „Ich verhörte ihn und beschäftigte mich permanent mit ihm.“

„Unfassbar: Der Fall Dutroux“ in Bildern

Tödlicher Fahndungsfehler

Auch Dutroux’ Ehefrau Michelle Martin und ein Komplize werden damals verhaftet. In einem gut versteckten Kellerverlies unter dem Haus der Verdächtigen entdecken die Beamten schließlich zwei junge Frauen, von denen eine bereits mehrere Monate zuvor gekidnappt worden war. Immerhin können sie lebend befreit werden. Von den anderen vier verschwundenen Mädchen fehlt jedoch jede Spur. Ihre Leichen finden die Ermittler später verscharrt an verschiedenen Orten, ebenso wie die sterblichen Überreste eines Komplizen von Marc Dutroux. Besonders tragisch: Ein Ermittler hatte das Horrorhaus nur wenige Monate zuvor durchsucht, als Dutroux wegen Autodiebstahls verhaftet worden war. Das Verlies entdeckte er trotz der leisen Kinderschreie nicht.

Ein tödlicher Fehler: Während Dutroux im Gefängnis einsaß, verhungerten die eingangs erwähnten Mädchen Mélissa und Julie qualvoll. Die anderen beiden tötete er nach seiner Rückkehr auf brutalste Weise. Ein Grauen, das nicht nur die Angehörigen, sondern ganz Belgien in Schockstarre versetzt.

Groteske Ermittlungspannen

Der Fall stellt die Polizei vor immer größere Herausforderungen: „Wir prüften, ob Dutroux nicht womöglich eine Zwischenstation für all die vermissten Kinder war“, so Frédéric Arce, der kriminaltechnische Leiter. „Es war eine unvorstellbar gewaltige Aufgabe.“ Die Bearbeitung wird von schwerwiegenden, teils grotesken Pannen überschattet: 1998 entreißt Dutroux einem Bewacher die Waffe und kann vorübergehend fliehen. Insgesamt 27 Zeugen und Menschen aus dem Umfeld der Ermittlungen kommen auf teils mysteriöse Weise ums Leben. Steckt dahinter der Versuch, etwas Größeres zu vertuschen? Das Gerücht, dass Marc Dutroux einem Pädophilennetzwerk zuarbeitete, dem Prominente angehören, hält sich hartnäckig und sorgt für Fassungslosigkeit. Etwa 300.000 Menschen demonstrieren 1996 in Brüssel mit einem sogenannten „Weißen Marsch“ gegen Pädophilie, die Taten traumatisieren das Land bis heute.

Gegenüber dem Tatort erinnert eine Tafel an Kinder, die Opfer von Verbrechern wurden. Das Haus des 2004 zu lebenslanger Haft verurteilten Dutroux wird Angaben der Stadt zufolge bis 2023 abgerissen. Dann soll dort ein Gedenkgarten entstehen – damit die Opfer unvergessen bleiben.