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Marie Leuenberger: „Durchs Nacktsein verliere ich meinen Schutz“

Marie Leuenberger: „Durchs Nacktsein verliere ich meinen Schutz“

Marie Leuenberger und Joel Basman in "Bis wir tot sind oder frei"., Marie Leuenberger, Jella Haase und Joel Basman in "Bis wir tot sind oder frei"., Jella Haase und Marie Leuenberger in "Bis wir tot sind oder frei"., Szene aus "Bis wir tot sind oder frei"., Marie Leuenberger, Bibiana Beglau und Joel Basman in "Bis wir tot sind oder frei".
Marie Leuenberger und Joel Basman in "Bis wir tot sind oder frei"., Marie Leuenberger, Jella Haase und Joel Basman in "Bis wir tot sind oder frei"., Jella Haase und Marie Leuenberger in "Bis wir tot sind oder frei"., Szene aus "Bis wir tot sind oder frei"., Marie Leuenberger, Bibiana Beglau und Joel Basman in "Bis wir tot sind oder frei". Credit: Foto: ©Philippe Antonello / Port au Prince Pictures
Kino-Tipp: Marie Leuenberger als Barbara Hug in „Bis wir tot sind oder frei“. Im Interview erzählt sie uns warum frei sein für sie nicht mehr selbstverständlich ist.

An dieser Frau kommt momentan kein Zuschauer vorbei. Marie Leuenberger überzeugt auf allen Kanälen: In der Serie „Blackout“ (bei Joyn und demnächst bei Sat.1) muss sie als Leiterin eines Krisenstabs neben Moritz Bleibtreu die Herausforderungen eines europaweiten Stromausfalls bewältigen. Für ihre Hauptrolle in der bemerkenswerten „Ein Krimi aus Passau“-Reihe erhielt sie ebenfalls sehr viel Lob.

Die 3. Folge „Ein Krimi aus Passau – Zu jung zu sterben“ läuft am Donnerstag, 31. März und steht bereits in der Mediathek zur Verfügung, die 4. Folge „Der Fluss ist sein Grab“ wird am Donnerstag, 7. April ausgestrahlt.

Und last but not least ist Leuenberger neben Jella Haase und Joel Basman auf der großen Leinwand im Film „Bis wir tot sind oder frei“ (Kinostart: 31. März) zu sehen. In dem auf wahre Begebenheiten beruhenden Film schlüpft die deutsch-schweizer Schauspielerin in die Rolle von Barbara Haug, eine Anwältin, die in den 80er Jahren den Ausbrecherkönig Walter Stürm verteidigt und gegen das rückständige und frauenverachtende Schweizer Justizsystem gekämpft hat.

Sehen Sie hier die Bildergalerie zu „Bis wir tot sind oder frei“:

Wir sprachen mit der 42-Jährigen über diese außergewöhnliche Frau, die dunklen Seiten der Schweiz und wofür sie auf die Straße gehen würde.

Marie Leuenberger im Interview

Würden Sie sagen, dass Barbara Hug ohnmächtig ist?

Sie ist gefangen in ihrem kaputten Körper und ihren Schmerzen. Aber sie kämpft wie eine Wahnsinnige und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Da würde ich sie auf ihre Weise schon fast eher als Täterin und weniger als ohnmächtig deklarieren.

Ihr Spiel ist ja sehr körperlich. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Die Körperbehinderung habe ich am Set improvisiert. Ich habe gemerkt, dass es mir am leichtesten fällt, dieses Leiden darzustellen, wenn ich die Krücken nie aus der Hand lege, unabhängig davon, ob die Kamera läuft oder nicht. Egal, ob ich auf Toilette gegangen bin, oder mir einen Kaffee geholt habe, ich bin mit Krücken durchs Leben gestampft. Dadurch wurden sie für mich normal und gehörten zum Alltag dazu. Beim Dreh musste ich dann überhaupt nicht mehr darüber nachdenken. Diese Art der körperlichen Arbeit liebe ich. Bei so einer Behinderung kann man so viel anderes ganz nebenbei miterzählen.

In einer Szene begutachtet Barbara ihren geschundenen Körper und ihre Narben nackt im Spiegel. Ich habe gelesen, dass Sie solche Szenen eigentlich eher ablehnen.

Durch das Nacktsein verliere ich meinen Schutz und die Distanz zu meiner Rolle. Schließlich fällt es mir leichter durch andere Kleidung und andere Frisuren eine Distanz zu meiner Person darzustellen. Aber in der Rolle der Barbara passt diese Szene sehr gut. Sie zeigt sich hier verletzlich. Ansonsten wirkt sie ja oft sehr hart und wirsch.

Ihr Vater ist Schweizer, sie haben das Schweizer Bürgerrecht. Kannten sie dieses dunkle Kapitel des Landes?

Nein, das habe ich tatsächlich erst durch diesen Dreh erfahren. Anfang der 80er war ich noch ein Kleinkind. Da hat mich das noch nicht tangiert und da war das auch Zuhause kein Thema. Wir sind ja auch nie mit dem Gesetz in einen Konflikt gekommen. Die Schweiz ist immer wieder für eine Überraschung gut. Sie kommt als sauberes und freundliches Land daher, was sie ja auch teilweise ist und dann überrascht einen diese sehr krasse Vergangenheit.

Das klingt fast so, als würden Sie sich kaum noch als Schweizerin identifizieren?

Ja, das stimmt. Ich lebe jetzt schon seit 1999 in Deutschland. Meine Mutter ist Deutsche, ich bin in Berlin geboren. Meine Erziehung war zwar von der Schweiz geprägt, aber ich fühle mich in Deutschland sehr wohl und frei. Für mich ist es ein Luxus, dass ich in beiden Ländern arbeiten kann, nur finde ich es manchmal komisch, noch in die Schublade der deutsch-schweizer Schauspielerin gesteckt zu werden, in der ich mich selbst gar nicht sehe.

Sie fühlen sich also in Deutschland frei. Was bedeutet für Sie Freiheit?

Wir leben in sehr großer Freiheit, selbst wenn sie durch die Pandemie mal eingeschränkt wurde. Wir leben in Frieden, dürfen ganz selbstverständlich unsere Meinung sagen und so wie wir wollen aus dem Haus gehen. Wir dürfen entscheiden, was wir anziehen und was wir machen. Das schätze ich sehr und erst durch den Vergleich mit anderen Ländern ist mir das mit den Jahren so richtig bewusst geworden. Auch wie schnell einem das genommen werden kann. Wenn man das Weltgeschehen beobachtet, was in anderen Ländern passiert und wie selbstverständlich wir unser Leben führen, dann sind wir global gesehen doch sehr fortschrittlich. Das schätze ich sehr und das ist nicht selbstverständlich.

Der Film beginnt mit einer großen Demonstration. Wofür würden Sie auf die Straße gehen?

Wenn die Schulen noch länger geschlossen geblieben wären, wäre ich auf die Straße gegangen. Also wenn es um die Rechte für Kinder geht, würde ich kämpfen. Ihre Rechte wurden im Gegensatz zu denen der Erwachsenen, die während der Pandemie doch relativ normal weiterleben konnten, stark eingeschränkt. Letzten Frühling dachte ich: Jetzt reicht es! Meine Kinder sind ja noch klein, die sind da relativ gut mit umgegangen. Aber ich denke, wenn man Teenager ist, muss das ganz furchtbar sein, wenn man nur noch Zuhause sitzt und keine Kontakte hat. Ich habe das bei einer Freundin gesehen, wie ihr Kind acht Stunden zum Lernen vor dem Computer saß. Das fand ich wahnsinnig schlimm.

Sie leben in einer Berliner Wohnung ohne Garten, ohne Balkon und hatten im vergangenen Jahr doch zahlreiche Drehs. Wie haben sie es mit einem sieben- und neunjährigem Kind da überhaupt geschafft, sich vorzubereiten?

Ich habe das große Glück, dass meine beiden sehr gerne miteinander spielen. Da ging das. Sie waren in ihrem Zimmer und ich in meinem. Doch gerade für die Serie „Blackoutmusste der Text richtig gut sitzen, weil er sehr politisch und somit ungewohnt für mich war. Ich musste immer wieder lesen, lernen, lesen, lernen, ansonsten hätte ich den Faden verloren. Das hat mich an meine Theaterzeit erinnert, wenn man sich Texte reinprügeln musste, aber es hat trotzdem Spaß gemacht.

Interview: Kristina Heuer